Kierdorf

Wo steht ein Kirchturm, der sich drei verschiedene Kirchenschiffe leisten konnte, nach einander – versteht sich – und im Verlauf von sieben Jahrhunderten? In Kierdorf, wo das, was andernorts von hirschledernen Reithosen gesagt wird, für den romanischen Turm der Martinskirche gilt: Generationen kommen, Generationen gehen, der romanische Kirchturm bleibt bestehen. Als der preußische Provinzialkonservator Paul Clemen gebeten wurde, besondere Bauwerke aus dem Gebiet der heutigen Erftstadt zu aufzulisten, nannte er unter anderem den Kirchturm von Kierdorf. Gefügt ist dieser Turm aus wunderschönen, hell leuchtenden Sandsteinquadern, mit Feingefühl und ästhetisch schön gegliedert durch Lisenenstreifen, ein mächtiger Bau, der Schutz bot den Bürgern seines Dorfes, deshalb die schmalen Fensterschlitze. Und drinnen in der ersten Etage, ein uralter Raum, in dem im frühen Mittelalter der Herr des Dorfes saß und Recht sprach, im Westen der Kirche, während drüben im Osten der Weltenrichter von Apsisgewölbe auf die Gläubigen herabblickte. Aber reden wir nicht nur von der Vergangenheit, reden wir auch von der Gegenwart, in der ein früherer Baudezernent der Stadt mit Namen Peter Wronka unmittelbar neben der Kirche ein Denkmal für die Opfer von Krieg und Gewalt schuf: ein mächtiger Stein, gespalten, durch den Linien des Lebens laufen. Es wäre noch einiges über Kierdorf zu sagen – über die 1900 gebaute Villa Louise des Bergwerkdirektors Brendgen und über den Friedhof mit dem Grabmal der Familie Brendgen beispielsweise – aber belassen wir es bei dem alten Turm und dem modernen Denkmal zu seinen Füßen, denn hier zeigt Erftstadt sein wahres Gesicht.